„Tag der offenen Gesellschaft“ – Engagement läuft ins Leere
Kelkheim (ju) – Am vergangenen Samstag war der „Tag der offenen Gesellschaft“. Ein Tag, der gerade in der heutigen Zeit um so wichtiger ist. Eine offene Gesellschaft gibt es nämlich nur dann, wenn genug Menschen für sie eintreten. Ziel des Aktionstages war und ist es, einen positiven, mutmachenden Raum für Begegnungen zu öffnen. Der Verein „Miteinander Leben in Kelkheim“ hatte die Kelkheimerinnen und Kelkheimer eingeladen, diesen Tag gemeinsam mit Geflüchteten und den Ehrenamtlern zu verbringen. Tische und Stühle wurden in der Frankenallee aufgestellt, leckere Speisen aus aller Herren Länder warteten und verführten mit ihrem Duft.
Man hatte sich so einiges ausgedacht, um für Unterhaltung und Kommunikation zu sorgen. Für die Kleinen war gesorgt – mit vielen Spielen, mit Kreide konnten sie den Gehweg verschönern, Doris Salmon, Vorsitzende der ukw, hatte allerlei zum Jonglieren dabei und fand damit großen Anklang bei Groß und Klein.
Wer sich allerdings nicht blicken ließ, war die Kelkheimer Bevölkerung. „Es gab nur eine Frau, die vorbeikam und sich zu uns gesetzt hat. Das ist schon ernüchternd“, zeigte sich Mafalda Pinto-Schneider, Mitglied des Vereins, enttäuscht. Auch die vielen ehrenamtlichen Helfer, die den Verein als Deutschlehrer, Bastelgruppenleiterin und vieles mehr unterstützen, hatten sich den Nachmittag anders vorgestellt. Nicht, dass es nicht gesellig war, aber der Grundgedanke dieses Tages kam so nicht zur Geltung. „Wir kennen und schätzen uns alle, natürlich führen wir gute Gespräche, aber eigentlich wollten wir die Bevölkerung mit einbeziehen und ihr die Möglichkeit geben, mal näher dran zu sein“, fasst es Christine in Worte. Die Mediendesignerin ist durch Zufall zum Verein gestoßen und hat das Plakat entworfen, mit dem für den Tag geworben wurde. „Wir wollten ein Gegengewicht zur destruktiven und bisweilen aggressiven Stimmung sein, die zu häufig viel Raum in öffentlichen Debatten einnimmt.“ Sie war es auch, die Mafalda Pinto-Schneider motiviert hat, diesen Tag zu gestalten. „Es sind diese Menschen, die wir brauchen, um eine Veränderung in der Gesellschaft herbeizuführen“, ist sich Pinto-Schneider sicher. Doch was macht eine offene Gesellschaft eigentlich aus?
Offene Gesellschaft
Eine offene Gesellschaft zeichnet sich durch Vielfalt, Dialog und Partizipation aus. Hier sind einige Aspekte, die für eine offene Gesellschaft wichtig sind:
1. Vielfalt und Toleranz: Eine offene Gesellschaft respektiert unterschiedliche Meinungen, Kulturen und Lebensweisen. Sie fördert die Akzeptanz von Vielfalt und setzt sich gegen Diskriminierung ein.
2. Demokratische Teilhabe: Bürgerinnen und Bürger sollten aktiv an politischen Prozessen teilnehmen können. Das schließt Wahlen, Bürgerbeteiligung und zivilgesellschaftliches Engagement ein.
3. Transparenz und Offenheit: Institutionen sollten transparent agieren, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Offener Zugang zu Informationen und Entscheidungsprozessen ist essenziell.
4. Bildung und Aufklärung: Eine offene Gesellschaft benötigt eine gut informierte Bevölkerung. Bildung, kritisches Denken und Medienkompetenz sind Schlüssel dazu.
5. Rechtsstaatlichkeit: Ein funktionierender Rechtsstaat schützt individuelle Freiheiten und sorgt für Gerechtigkeit. Die Einhaltung von Gesetzen und die Unabhängigkeit der Justiz sind grundlegend.
6. Zivilgesellschaft und Engagement: Organisationen, Vereine und NGOs spielen eine wichtige Rolle bei der Gestaltung einer offenen Gesellschaft. Sie setzen sich für soziale Anliegen ein und fördern den Dialog.
7. Kommunikation und Dialog: Offene Gesellschaften leben vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Dialog fördert Verständnis und Zusammenarbeit.
8. Solidarität und Empathie: Eine offene Gesellschaft zeigt Mitgefühl und unterstützt Menschen in Not. Solidarität über Grenzen hinweg ist ein Zeichen von Offenheit.
9. Kritikfähigkeit und Selbstreflexion: Offene Gesellschaften sollten sich ständig hinterfragen und auf Veränderungen einstellen können.
10. Kultur und Kunst: Kulturelle Vielfalt und künstlerischer Ausdruck bereichern eine offene Gesellschaft.
Insgesamt geht es darum, eine Balance zwischen individuellen Freiheiten und dem Gemeinwohl zu finden, um eine lebendige und inklusive Gesellschaft zu schaffen
Herausforderungen
Es ist wichtig zu betonen, dass Deutschland eine offene Gesellschaft ist und viele der oben genannten Aspekte einer offenen Gesellschaft hier vorhanden sind. Dennoch gibt es Herausforderungen und Spannungen, die das Funktionieren einer offenen Gesellschaft beeinträchtigen können:
1. Populismus und Extremismus: Wie in vielen Ländern gibt es auch in Deutschland populistische und extremistische Strömungen. Diese Gruppen setzen sich oft gegen Vielfalt und Toleranz ein und versuchen, die Gesellschaft zu spalten.
2. Integration und Migration: Die Integration von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund kann eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, dass alle Menschen in Deutschland die gleichen Chancen haben und sich als Teil der Gesellschaft fühlen.
3. Medienlandschaft und Desinformation: Die Medienlandschaft ist vielfältig, aber auch polarisiert. Desinformation und Fake News können das Vertrauen in den öffentlichen Diskurs untergraben.
4. Gesellschaftliche Spaltungen: Soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Unterschiede und regionale Disparitäten können zu Spannungen führen. Eine offene Gesellschaft muss diese Ungleichheiten angehen.
5. Historische Lasten: Deutschland hat eine komplexe Geschichte, einschließlich der Nazi-Diktatur und der Teilung während des Kalten Krieges. Diese historischen Erfahrungen beeinflussen das gesellschaftliche Bewusstsein und die politische Kultur.
6. Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit: Einige politische Parteien und Bewegungen nutzen fremdenfeindliche Rhetorik, um Ängste zu schüren und die offene Gesellschaft zu untergraben.
7. Globalisierung und Identität: Die Globalisierung führt zu Veränderungen, die manche Menschen als Bedrohung für ihre Identität empfinden. Eine offene Gesellschaft muss diese Ängste ernst nehmen und den Dialog fördern.
Trotz dieser Herausforderungen ist Deutschland bestrebt, eine offene Gesellschaft zu bewahren und weiterzuentwickeln. Der Dialog zwischen verschiedenen Gruppen und die Bereitschaft zur Verständigung sind dabei entscheidend.
Weitermachen
Für Kelkheim bleibt zu hoffen, dass sich die Ehrenamtler des Vereins von diesem Rückschlag nicht entmutigen lassen und weiterhin mit Feuereifer die Integration der zu uns Geflüchteten begleiten. Es wäre fatal, wenn sie aufgeben würden.
Teller jonglieren macht Spaß!
Sie waren da und hätten gern das Gespräch gesucht: die Geflüchteten und die ehrenamtlichen Helfer des Vereins. Leider nahmen die Kelkheimer das Angebot nicht wahr. Fotos: Judith Ulbricht

