Integration ist keine Einbahnstraße
Kommentar
Vertane Chance
Manchmal machen mich die Kelkheimerinnen und Kelkheimer traurig. Sie verpassen Chancen, Chancen für ein besseres Zusammenleben, Chancen für mehr Verständnis für Andere, Chancen für mehr Abwechslung und Unterhaltung in Kelkheim.
Am vergangenen Wochenende hatte der Verein „Miteinander Leben in Kelkheim“ im Rahmen des Tages der offenen Gesellschaft zu einer wirklich netten Idee geladen. Tische und Stühle raus auf die Frankenallee, jeder bringt was zu Essen und zu Trinken mit und man kann in den Austausch kommen – mit anderen Generationen, anderen Ethnien. Eine Chance, seinen Horizont zu erweitern oder ganz simpel: Um einfach einen netten Nachmittag zu verbringen. Denn um mehr ging es den Vereinsmitgliedern nicht. Es war ein buntes Treiben, afghanische Frauen saßen neben Ukrainerinnen, äthiopische, syrische und ukrainische Kinder spielten einträchtig miteinander. Was fehlte waren die Kelkheimer. Sie kamen einfach nicht. Jetzt frage ich mich natürlich, warum nicht?
Von Flüchtlingen erwartet man, dass sie sich integrieren, dass sie unsere Sprache lernen, dass sie sich an unsere Regeln und Gepflogenheiten halten. Doch Integration ist keine Einbahnstraße. Wir müssen doch auch bereit sein, uns auf diese Menschen einzulassen, ihnen zuhören, mit ihnen diskutieren, sie wahrnehmen und zwar nicht als Ärgernis oder Kostenfaktor sondern als Menschen, als Bereicherung für unsere Gesellschaft. Die Integration von Flüchtlingen ist ein vielschichtiger Prozess, der sowohl von der aufnehmenden Gesellschaft als auch von den Geflüchteten selbst gestaltet wird. Und gerade die Geflüchteten waren es, die an eben diesem Samstag an den Tischen Platz nahmen. Sie hatten leckere Speisen aus ihrer Heimat dabei, sie waren offen für Gespräche, für Austausch. Aber wer kam nicht: die Kelkheimer. Was wollen die Menschen hier in dieser Stadt? Es wird über vieles gemeckert, ständig wird nur das Negative gesehen, keiner ist bereit, aus seiner Komfortzone zu kommen. Ich hätte mir gewünscht, dass auch die örtliche Politik diese Chance wahrnimmt, dazukommt, ein Zeichen setzt. Außer mehreren Mitgliedern der ukw-Fraktion ließ sich niemand blicken. Warum nicht? Wie kann man erwarten, dass Menschen sich integrieren, wenn sie keine Reaktion bekommen, kein Feedback, keine positive Bestätigung, dass es gut ist, dass sie da sind. Denn wenn man die Menschen, die an diesem Samstag vor Ort waren, besser kennenlernt, dann kann man erstens ihre Beweggründe für die Flucht besser verstehen und man erfährt zweitens, wer sein Gegenüber ist – nämlich Menschen, die alles zurücklassen mussten, um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder zu schützen. Menschen, die Deutsch lernen, Menschen die bemüht sind, eine Arbeit zu finden, Menschen, die sich integrieren wollen, Menschen, die verstanden haben, dass man etwas tun muss, um dazu zu gehören. Und was machen wir? Wir ignorieren sie, echauffieren uns dafür aber anonym im Internet, was für Schmarotzer und Kriminelle die Flüchtlinge doch alle sind. Es ist zum fremdschämen!
Tatsächlich sollten wir uns immer daran erinnern, dass Flüchtlinge in erster Linie Menschen sind – mit individuellen Geschichten, Bedürfnissen und Hoffnungen. Manchmal vergessen wir das in politischen Diskussionen oder wenn wir von Zahlen und Statistiken sprechen. Es ist entscheidend, Empathie zu zeigen und die Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Wenn wir uns auf unsere gemeinsame Menschlichkeit konzentrieren, können wir besser verstehen, wie wir einander unterstützen können.
Die Kelkheimer haben an diesem Wochenende eine Chance vertan. Sie sollten froh sein, dass es so einen Verein wie „Miteinander Leben in Kelkheim“ mit so vielen ehrenamtlich Engagierten gibt. Denn sie leisten den Löwenanteil bei der Integration der Geflüchteten. Da ist es doch nicht zuviel verlangt, wenn diese Arbeit von der Bevölkerung wertgeschätzt wird und sie dies auch zeigt. Nicht mit Beifall im stillen Kämmerlein, sondern mit Anwesenheit und einem offenem Herzen – denn nur so kann letztendlich Integration funktionieren. Und wer weiß, vielleicht eröffnen sich plötzlich ganz neue Horizonte.
Judith Ulbricht

