10-Jähriges: Wie aus dem „Runden Tisch“ „Miteinander Leben in Kelkheim e.V.“ wurde
Die Ukrainerin Natalia hat das Bild, das im Familienzentrum hängt, gestaltet, jeden Tag kommen neue Motive und Ideen hinzu. Die Aussage ist eindeutig: Lasst uns lieben, in Freiheit und Frieden leben, die Schönheit der Natur genießen und aus dem Gegeneinander ein Miteinander machen – uns und unseren Kindern zuliebe.
Was am 1. Juli 2014 mit einem Treffen der Kirchen zum Thema „Flüchtlingshilfe“ begann, wurde am 8. Oktober zu einem „Runden Tisch“ und schließlich am 10. Juli 2017 zum Verein „Miteinander Leben in Kelkheim“. Eine Geschichte über Willen, Mut, Zuversicht und den Wunsch, in der Gesellschaft etwas zu bewegen.
Die Anfänge des Vereins
Die Geschichte des Vereins begann vor einem Jahrzehnt, als eine Gruppe engagierter Kelkheimerinnen und Kelkheimer erkannte, dass es an strukturierten Angeboten für die Integration und das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft mangelte. Ein Netzwerk musste her. Die Idee des „Runden Tisches“ entstand. Damals gab es in Kelkheim vier Unterkünfte, in denen Flüchtlinge unterkamen, versorgt und betreut wurden. Betreut von Ehrenamtlerinnen wie Salome Korschinowski (Ruppertshain), Sabine Kurz (Frankfurter Straße), Mafalda Pinto-Schneider (Weilbacher Straße) und Susanne Trouet (Wilhelmstraße). Um mehr Koordination in der Betreuung und Hilfe zu bekommen, bildeten sich drei Arbeitskreise, „die witzigerweise alle die gleiche Anzahl an Helfern hatten“, erinnert sich Mafalda Pinto Schneider an die Anfänge. Regelmäßige Treffen in den Arbeitskreisen und die Entsendung von Koordinatoren, um die Zusammenarbeit der Arbeitskreise besser aufeinander abzustimmen, bestimmten ab sofort die Arbeit der „Flüchtlingshilfe“. 2015 kam noch eine Unterkunft in Fischbach dazu, die von der Koordinatorin Cornelia Velter betreut wurde. „Die Arbeit war damals ganz anders als heute“, erinnert sich Pinto-Schneider. Schulanmeldungen der Kinder, Konto eröffnen, Fahrten zur Tafel – das waren nur einige der Aufgaben, die erledigt werden mussten. „Man war sehr eng mit den Flüchtlingen. Heute unterstützen sich die Landsleute untereinander. Aber Sinn der Sache war immer, wir geben euch die Hand, aber irgendwann müsst ihr selbst klar kommen“, blickt Annkatrin Helberg-Lubinski zurück. Eine der ersten gemeinsamen Aktionen war die Ausrichtung einer Weihnachtsfeier für die Geflüchteten. Dankbar sind die beiden auch dem damaligen Bürgermeister Thomas Horn. „Viele Menschen wollten Geld für die Flüchtlinge spenden, aber wir hatten kein eigenes Konto, da wir kein eingetragener Verein waren. Er hat für uns eines eingerichtet und uns auch die Räumlichkeiten für die ersten Deutschkurse zur Verfügung gestellt“, so Pinto-Schneider.
Miteinander Leben in Kelkheim
Inspiriert von der Idee, eine offene und inklusive Gemeinschaft zu fördern, gründete sie im Jahr 2017 aus dem „Runden Tisch“ den Verein „Miteinander Leben in Kelkheim“. Die Idee, einen Verein zu gründen, wurde anfangs von den rund 150 engagierten Ehrenamtlichen heiß diskutiert. „Warum einen Verein gründen, wenn doch die Unterstützung und Integration der Flüchtlinge gut läuft? Wird dann nicht alles unnötig formalisiert? Wir mussten viel Überzeugungsarbeit bei den Koordinatoren leisten, weil die Helfer dachten, der Verein würde ab sofort über sie bestimmen“, erinnern sich die beiden. Viele waren mit der losen Struktur des Netzwerks – organisiert in den vier Arbeitskreisen – zufrieden. Doch es gab Einschränkungen: die Anmietung von Räumen, die eigenständige Beantragung von Fördergeldern oder Vertragsabschlüsse mit Referenten für Fortbildungsveranstaltungen, kein eigenes geführtes Konto – all das erforderte eine rechtsfähige Organisation. Und ihre Erfolgsgeschichte zeigt, dass die Entscheidung die richtige war.
Auch heute besteht das Netzwerk weiterhin aus Arbeitskreisen – an der täglichen Arbeit hat sich nichts geändert. Doch der Verein unterstützt nun die Arbeitskreise Mitte, Fischbach und Ruppertshain mit den Möglichkeiten, die eine rechtsfähige Organisation bietet: bei der Beantragung von Fördermitteln, der Organisation arbeitskreisübergreifender Angebote wie Weiterbildungen für Ehrenamtliche, Informationsveranstaltungen für Flüchtlinge oder Veranstaltungen für alle Bürgerinnen und Bürger Kelkheims. Außerdem erleichtert der Verein die Zusammenarbeit mit der Stadt Kelkheim, den ansässigen Vereinen und Institutionen. Seit der Vereinsgründung im Juli 2017 ist für alle sichtbar, wer die jeweiligen Ansprechpartner sind und an wen man sich wenden kann.
Ziele und Visionen
Im Vereinsnamen „Miteinander Leben in Kelkheim“ spiegeln sich die Vision und das Programm wider. „Wir möchten ein harmonisches Miteinander zwischen den neuen Kelkheimer Mitbürgern und denen, die schon länger hier leben, fördern. Dazu unterstützen wir die Flüchtlinge, damit sie zukünftig selbstständig ihre Angelegenheiten regeln und gleichzeitig wichtige Akteure in der Gemeinschaft werden“, erklärt Helberg-Lubinski. „Außerdem wollen wir auch Begegnungen mit der Bevölkerung ermöglichen, um gegenseitige Ängste und Vorurteile abzubauen“, schiebt Pinto-Schneider hinterher.
Die Mission
Von Anfang an war das Ziel des Vereins klar: Brücken zwischen den verschiedenen Kulturen und Generationen zu bauen und einen Raum zu schaffen, in dem sich alle Bürgerinnen und Bürger willkommen fühlen. Die ersten Schritte waren geprägt von intensiver Arbeit und dem unermüdlichen Einsatz der Gründungsmitglieder. In den ersten Monaten wurden Sprachkurse und interkulturelle Begegnungstage organisiert, die den Grundstein für die zukünftigen Aktivitäten legten.
Eine Dekade des Engagements
In den folgenden Jahren etablierte sich der Verein als wichtige Institution in Kelkheim. Mit verschiedensten Projekten wurde das Zusammenleben aktiv gefördert. Ein besonderes Highlight war die Einführung der „Patenschaften“, bei denen langjährige Einwohnerinnen und Einwohner die Rolle von Mentoren für neu zugezogene Familien übernahmen und ihnen halfen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Der Verein erweiterte sein Angebot kontinuierlich und setzte auf Bildung und Freizeitaktivitäten, die alle Altersgruppen ansprechen. Über allem steht das Erlernen der deutschen Sprache. Etliche Sprachkurse wurden angeboten, alle ehrenamtlich geleitet. Neuer Dreh- und Angelpunkt ist das Familienzentrum in der Frankenallee geworden. Hier gibt es unter der Woche von 10.30 bis 12.30 Uhr einen Spieltreff für die Kleinen, der sich jetzt auch für Kinder aller Nationen öffnet. In Zukunft wird es hier auch regelmäßige Kochevents geben, zu denen die Bevölkerung eingeladen werden soll. Ganz nach dem Motto „Integration geht durch den Magen“. Denn kulinarisch hat Kelkheim einiges zu bieten, wie das 1. Suppenfest vor zwei Wochen bewies. „Was vereint denn mehr, als das gemeinsame Zubereiten und Verzehren von selbstgekochtem Essen?“, fragt sich Mafalda Pinto-Schneider. Doch es gibt noch so vieles mehr, was im Familienzentrum geleistet wird, und mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine und den vielen geflüchteten Frauen mit kleinen Kindern wurden die Herausforderungen noch mal ganz andere. „Hier mussten Traumata verarbeitet werden; deswegen waren wir unendlich froh, dass sich so viele Freiwillige gefunden haben, die uns mit Malkurs-Therapie und Reittherapie unterstützt haben. Und die Flüchtlinge wurden selbst aktiv, gründeten eine Gruppe, um die berufliche Integration voranzutreiben, absolvierten ihre Sprachtests, um der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können.
Auch Bürgermeister Albrecht Kündiger würdigt die Arbeit des Vereins und erinnert an die Anfänge, als der Verein mit kleinen, aber ambitionierten Projekten startete. „Heute ist ‚Miteinander Leben in Kelkheim‘ nicht mehr wegzudenken und ein unverzichtbarer Teil unserer Stadt“, so der Rathauschef.
Für all diese Arbeit benötigt man aber weiterhin Unterstützung von Ehrenamtlern, deswegen würden sich Annkatrin Helberg-Lubinski und Mafalda Pinto-Schneider wünschen, dass noch mehr Menschen den Weg zu ihnen finden, um die Aufgaben gemeinsam zu meistern. „Ganz wichtig wäre es auch, wenn sich jüngere Menschen für unseren Verein interessieren würden. Hier können sie hautnah erleben, welchen großen Einfluss es auf unsere Gesellschaft hat, wenn man vorbehaltlos und aufopferungsvoll hilft“, sind sich beide sicher.
Das 10-jährige Jubiläum ist ein Meilenstein, der nicht nur die Erfolge der Vergangenheit feiert, sondern auch den Weg für eine vielversprechende Zukunft ebnet. Ein Hoch auf das „Miteinander Leben in Kelkheim“ und auf viele weitere Jahre des gemeinsamen Engagements!


